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Ortsbürgermeister
Herr Kurt Görisch
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Juden in Hohen-Sülzen
Seit spätestens dem 17. Jahrhundert haben in Hohen-Sülzen Juden gelebt. Sie hatten zahlreiche Auflagen zu erfüllen und mussten zeitweise eine Kopfsteuer bezahlen, um geduldet zu werden.
Im Jahr 1796 mußte Feist Samuel aus Hohensülzen eine »Rezeption als Schutzjude« bezahlen, um im Ort wohnen zu dürfen.
Per napoleonischem Edikt vom 20. Juli 1808 wurden sie gezwungen, innerhalb von drei Monaten Familiennamen anzunehmen. Danach waren ihre Namen: Gutter, Herzog, Klein, Levi, Mayer, Scheuer und andere. Aus Lion Abraham wurde Isaac Goldschmitt. Im Ortsbürgerverzeichnis waren sie zumeist als Handelsmann eingetragen. 1688 gab es bereits drei jüdische Familien, 1831 waren von 525 Einwohnern 400 evangelisch, 101 katholisch und 24 jüdisch.
Die Juden unterschieden sich von den Christen durch anderes Beten, hatten andere Feiertage und andere Schulinhalte. Letzteres führte in den Falkensteinschen Landen 1786 zu folgender Anordnung:
»Allerhöchste Anordnung, die tolerierte Judenschaft dem Staate nützlich zu machen und ihren Charakter mittels der Schuleinrichtung zu verbessern.«
Die 1805 in Hohen-Sülzen geborene Geleh Mosis (Gertrauda Herzog), Tochter des Hertz Mosis (Simon Herzog), heiratete 1828 Hona Ordenstein aus Offstein. Sie hatten zwei prominente Nachkommen. Ihr Sohn Leopold, geboren 1835, ermordet 1902, war ein berühmter Arzt, der in Giessen und in Paris promoviert hat. In Paris hat er zusammen mit dem französischen Neurologen Jean-Martin Charcot als erster systematisch die bis dahin kaum ergründete Parkinsonsche Krankheit und die Multiple Sklerose erforscht und beschrieben. Der Enkelsohn von Geleh (Gelo) war Heinrich Ordenstein, geboren 1856, gestorben 1921. Dieser war ein berühmter Konzertpianist und Musikpädagoge, Hofrat und Professor und hat das Badische Konservatorium in Karlsruhe gegründet.
Die jüdischen Einwohner von Hohen-Sülzen gehörten zum Rabbinatsbezirk Worms und hatten eine enge Beziehung zur jüdischen Gemeinde in Monsheim. Dort wurde auch die um 1840 erbaute Synagoge besucht. Im Kirchenbuch von Monsheim wurde vom lutherischen Pfarrer Georg Klein die Einrichtung einer Synagoge in Kirchennähe bereits im Pestjahr 1666 beschrieben.
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde Hohensülzen einen kleinen Betsaal in einem Privathaus.Die Toten der Gemeinde wurden zumeist auf dem seit 1579 existierenden jüdischen Friedhof, ausserhalb der Stadtmauer von Dalsheim beigesetzt. Der auffälligste Grabstein dort ist mit einem Eisernen Kreuz und der Jahreszahl 1914 versehen, die Aufschrift lautet »Hier ruht Julius Klein aus Hohensülzen, Offizierstellvertreter Er starb den Heldentod am 25. September 1914 im 29. Lebensjahr«.
In einem Artikel der Zeitschrift »Der Israelit« steht am 24. Februar 1875: »Zu Hohensülzen bei Monsheim wurde am Donnerstag Herr Simon Levi beerdigt, der das seltene Alter von 106 Jahren erreicht. Der Verstorbene hinterlässt 3 Kinder, 17 Enkel und 45 Urenkel«.
Im Personenstandsarchiv in Monsheim steht allerdings mit Datum 8.2.1875: »alt einhundert Jahre«.
Isack Löw, geboren 1731, gestorben 1799 steht auf der ersten Sterbeurkunde des Sterbebuches, welches von den Franzosen im Rahmen systematischer Urkundenführung eingeführt wurde.
Die jüdischen Mitbürger waren über viele Generationen im Ort bestens integriert und geachtet. In Kriegen haben sie gleichermaßen Söhne und Väter verloren. Leonhard Goldschmidt ist im Krieg 1870/71 am 30. Dezember 1870 im Lazarett Saarbrücken verstorben. Zuvor war er 1866 für das Großherzogtum Hessen mit Verbündeten gegen Preußen und Verbündete im Deutschen Krieg an der Schlacht von Königgrätz beteiligt.
Fritz Klein war wie sein Bruder Julius Soldat an der Front im 1. Weltkrieg.
Im 20. Jahrhundert gab es dann nur noch zwei jüdische Familien im Ort. Die Familie Levi/Gutter war bettelarm und regelmäßig auf Sozialfürsorge und Unterstützung der jüdischen Gemeinde angewiesen. Man schlief auf Strohsäcken und arbeitete für die ortsansässigen Bauern als Tagelöhner. 1942 wurden Rosa Gutter, geborene Levi, geb. 1890 und ihr Sohn Adolf, geboren 1924 in das Ghetto Piaski bei Lublin deportiert und sind seitdem verschollen. Der zweite Sohn der Familie, Max Gutter geboren 1922, hat überlebt, weil er zuvor nach Haifa in Israel auswanderte.
Familie Klein war wohlhabend, sie betrieben einen Landhandel, waren Makler und Geldverleiher. David Klein (1867 bis 1934) wurde ab dem Jahr 1898 dreimal in den örtlichen Gemeinderat gewählt. In seinem Volksstück von 1912 »De Rothausreformader«, welches in Hohen-Sülzen spielt, nennt der Verfasser und Pfarrerssohn Wilhelm Briegleb ihn »Moses Abraham« und zeichnet ein durchaus positives und sympathisches Bild von ihm.
David Klein hat die Reichspogromnacht (Reichskristallnacht) 1938 nicht mehr miterleben müssen. SA-Männer aus Pfeddersheim haben hier das gesamte Mobiliar aus den Fenstern geworfen und teilweise verbrannt. Die Einwohner von Hohen-Sülzen haben sich daran nicht beteiligt.
Fünf seiner Nachkommen wurden in Konzentrationslager verschleppt und sind dort umgekommen. Fritz Klein, geb. 1889 wurde ins KZ Buchenwald deportiert und »verstarb« dort 1942. Auguste Wartensleben, geb. Klein, geboren 1883 und ihre Schwester Elise Gutjahr, geb. Klein, geboren 1884 wurden 1942 ins Ghetto Piaski bei Lublin deportiert und sind »verschollen«.
Ihre Töchter Luzie Rosa Wartensleben, geboren 1915 und Rosel Gutjahr, geboren 1914, wurden ebenfalls nach Piaski verschleppt und dort ermordet.
Der Sohn von Auguste Wartensleben, Alfred David hat in London überlebt. Dort hat er den Familiennamen geändert und wurde als Dr. Alfred David Wharton eingebürgert.
Die Gemeinde Hohen-Sülzen hat den in unserem Dorf geborenen Deportierten und Ermordeten zum Andenken eine Bronzetafel am Rathaus gewidmet.
Stand 08/2011 | Klaus Nasterlack



