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Ortsbürgermeister
Herr Kurt Görisch
Telefon: 06243.903965
Mailkontakt: kurt.goerisch [at] web.de
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Der römische Gläserfund von Hohen-Sülzen
Am 14. Juli 1906 wurde das aus dem 16. Jahrhundert stammende, historische Hohen-Sülzer Rathaus nach einer Generalsanierung neu eingeweiht. Die Ortsgemeinde nahm dieses Ereignis zum Anlass und feierte am 15. Juli diesen Jahres das 100- jährige Jubiläum, verbunden mit einer Ausstellung, die wichtige Stationen in der Geschichte des Ortes dokumentierte.
Zu den frühesten historischen Zeugnissen zählen hierbei die römischen Gläserfunde, auf deren Bedeutung im Folgenden näher eingegangen werden soll.
Beim Graben nach Tonerde kamen 1869 in einer Hohen-Sülzer Grube zwei römische Steinsarkophage aus der Zeit um 300 n. Chr. zutage, die mit Beigaben reich ausgestattet waren. Besitzer der Grube war die Familie Dörrschuch, welche wiederum ihre mit Kaolin versetzte Erde an die Firma Villeroy & Boch zur Herstellung von Porzellan verkaufte. Es handelt sich bei dem Fund um sechs Gläser, von denen fünf Stück in Schlifftechnik verziert sind. Die beiden kostbarsten Gläser fanden sich in einem Sarkophag vereint: eine Diatretschale und eine zweihenkelige Flasche mit Figurenschliff.
Die Diatretschale besteht aus farblosem Glas und stellt mit einer Höhe von ca. 15 cm und einem Durchmesser von ca. 21 cm eines der größten Diatretgläser überhaupt dar. Gemäß ihrer Verzierung gehört diese Schale zu den sogenannten Netzdiatreta. Die Maschen des Netzes umgeben das Gefäß in fünf horizontalen Reihen, wobei die oberen vier Reihen jeweils 16 Maschen aufweisen, die untere Reihe jedoch nur acht.
Die 42 cm hohe Flasche mit Figurenschliff ist mit einer vielfigurigen Szene aus dem Umkreis des antiken Weingottes Dionysos verziert. Das Bild wurde in die Oberfläche des Glases in plastisch wirkendem Tiefschliff eingeschnitten. Zusätzlich wurde die plastische Wirkung der Figuren durch Gravierung der einzelnen Körperteile verstärkt. Aufgrund dieser Technik wird die Dionysos-Flasche derselben Werkstatt zugeschrieben wie der Kölner Lynkeus-Becher. Diese Werkstatt hat im 3. Jahrhundert n. Chr. wahrscheinlich in Köln gearbeitet.
Das Meisterstück der sehr qualitätvollen Sammlung römischer Gläser im Landesmuseum Mainz ist die Hohen-Sülzer Dionysos-Flasche. Sie wurde anlässlich der Ausstellung »Römische Glaskunst und Wandmalerei« in einjähriger Arbeit von Grund auf restauriert und präsentiert sich daher heute im bestmöglichen Zustand.
Die Grabinventare kamen leider nicht in eine Hand, ein Teil nach Bonn, der größte Teil nach Mainz. Eine Zusammenführung erfolgte im Jahre 1936. Alle sechs Gläser aus Hohen-Sülzen waren vor dem Krieg im Altertumsmuseum Mainz, dem Vorgänger des heutigen Landesmuseums, ausgestellt, das 1937 im ehemaligen kurfürstlichen Marstall an der Großen Bleiche wiedereröffnet wurde, nachdem es aus dem kurfürstlichen Schloss ausgezogen war. Doch schon zwei Jahre nach Eröffnung wurde das Museum wieder geschlossen, der Krieg hatte begonnen.
Im September und Oktober 1939 wurden umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen zum Schutze der Sammlungsbestände getroffen. Objekte von herausragendem kulturhistorischem Wert wurden an verschiedene Orte ausgelagert. So gelangen im Oktober 1939 zwei Kisten des Mainzer Museums, in denen sich auch das Diatretglas und die Flasche mit Figurenschliff aus Hohen-Sülzen befanden, nach Erbach im Odenwald.
Als die ausgelagerten Sammlungsbestände nach Kriegsende über den Central Collecting Point der Amerikaner in Wiesbaden an das Mainzer Museum zurückgeführt wurden, war das Diatretglas verschwunden. Im Central Collecting Point hatte man 1947 offiziell zu Protokoll genommen, dass die beiden Mainzer Kisten beschädigt in Wiesbaden angekommen waren. Daraufhin war der Inhalt der Kisten neu verpackt worden. Von dem reichen Gläserfund aus Hohen-Sülzen ist heute nur noch die Dionysos-Flasche vorhanden. In seiner Gesamtheit zählt heute das Ensemble zu den bedeutendsten Funden römischer Gläser, die jemals auf deutschem Boden gemacht wurden.
Über die Gläserfunde wurden viele wissenschaftliche Artikel, insbesondere von Michael J. Klein und Dunja Zobel-Klein, beide tätig am Landesmuseum in Mainz, verfasst. Sie liegen diesem Beitrag zugrunde.
Siehe auch Artikel Gläserfunde in Hohen-Sülzen
Quelle: Kurt Görisch: »Kostbare Gefäße in Schlifftechnik« aus: Heimatjahrbuch, S. 143-144, 2007



